Kern liberalen Denkens ist die Vorstellung des Menschen als ein vernunftbegabtes Wesen. Damit ist zunächst einmal nichts über die Natur dieser Vernunft beziehungsweise deren Ursprung oder darüber, zu welchem Zweck der Mensch diese einsetzt, gesagt. Das ist schon eine wichtige Tatsache, denn der Liberalismus „unterstellt“ dem Menschen nicht, dass er generell schlecht oder gut sei, vielmehr stellt er zunächst einmal fest, dass jeder Entscheidung des Menschen ein Denkprozess vorausgeht. Diesen Denkprozess zu fördern und dem Menschen einen solchen auch zuzutrauen ist der faszinierende Humanismus, dem er inhärent ist. So gesehen besitzt die Freiheit einen Wert an sich, sie darf nie einem anderen Ziel, beispielsweise dem der „sozialen Gerechtigkeit“, unterstellt werden. Alle Versuche, den Freiheitsbegriff in dieser Hinsicht zu „Instrumentalisieren“ sind diametral zu den Prinzipien des Liberalismus.
Es liegt jedoch auf der Hand, dass Entscheidungsspielräume des Einzelnen nicht zu einem Paradies auf Erden führen. Dies ist ein entscheidender Unterschied zu sonstigen Ideologien, der politische Liberalismus verspricht kein Zustand allgemeiner Glückseligkeit, denn alle Entscheidungen des Menschen reflektieren sein Wesen, und das ist nun einmal das eines Mängelwesens. Dies scheint wenig erfreulich, aber man sollte sich immer vor Augen halten, dass die Versuche des zwanzigstens Jahrhunderts, diese Eigenart des Menschen zu überwinden, zu Massenmorden ungeahnten Ausmaßes führten.
An dieser Stelle wird der Liberalismus von seinen Gegnern bewusst als Aufruf zum Egoismus verstanden, als Vertreter eines Werterelativismus, in dem nur das zählt, was für einen selbst das Beste ist. Doch es ist ersichtlich, dass die Freiheit des einzelnen gerade in dieser Hinsicht die höchsten Anforderungen an ihn stellt. Er selbst muss handeln, er selbst muss auch die Verantwortung für sein Handeln übernehmen. Ein abwälzen der individuellen Moral auf den Staat führt bestenfalls zu einer Gesellschaft der Gleich- und Unmündigkeit („Der Staat wird es schon richten“), schlimmstenfalls benutzt dieser seine moralische Hegemonie zum Zwang, angefangen bei der Beeinflussung des Speiseplans seiner Bürger – nur zu ihrem Besten, versteht sich.
Das heißt jedoch nicht, dass der Staat überflüssig ist, vielmehr fordern wir liberale, dass er sich auf seine Kernkompetenz – der Schaffung eines Rahmens, in der sich dann das Handeln seiner Bürger entfalten soll – beschränken muss, um ein starker Staat zu sein. Ein Staat, der meint, alles zum Besten regeln zu können, überfordert sich selbst, wie das Beispiel der DDR zeigt.
Constantin Balzer -- stellv. Vorsitzender für Programmatik mehr Infos